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Wir wirken sich die Corona-Maßnahmen auf die Psyche aus?

15. Jun 2020 | Betriebsarzt erklärt

Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie wie Isolation, Quarantäne und Kontaktbeschränkungen verursachen psychische Belastungen und Erkrankungen, die die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland massiv negativ beeinflussen werden. So jedenfalls lautet die Einschätzung von Dr. Christian Graz, Chefarzt Psychosomatik der Max Grundig Klinik.

Graz erwartet gravierende Langzeitfolgen, die weit über den Stress durch Homeoffice, Homeschooling und finanzielle Verlustängste hinausgehen: „Politik und Gesellschaft haben sich richtigerweise auf die Viruseindämmung und die Abmilderung der ökonomischen Folgen des Shutdowns konzentriert. In der Gesamtbetrachtung müssen wir aber auch berücksichtigen, dass Menschen unter psychischen Störungen in einem Ausmaß leiden, wie sie in Deutschland bislang unbekannt waren. Unser Gesundheitssystem hat auf Covid-19 umgerüstet, auf die Bekämpfung der psychologischen Kollateralschäden aber bislang noch nicht. Hier rollt eine Welle von Erkrankten auf Therapeuten, Psychologen und Psychiater zu. Die 12-Monats-Prävalenz für psychische Erkrankungen wird durch die Corona-Pandemie sehr deutlich ansteigen.“

Steigende Kosten im Gesundheitswesen

Christian Graz schätzt: „Prävalenz und Kosten, die im Gesundheitswesen unmittelbar aufgrund zusätzlicher psychischer Störungen entstehen, könnten sich gegebenenfalls verdoppeln.“ 

Die ambulante und stationäre Versorgungssituation bei psychischen Erkrankungen sei hierauf aber nicht oder nur unzureichend vorbereitet. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz seien schon vor der Corona-Krise oft sehr lang gewesen und hätten zwischen drei Monaten und einem Jahr gelegen. 

Bereits ohne Corona-Krise fanden sich in den vergangenen Jahren unter den häufigsten Ursachen für verlorene Lebensjahre depressive Erkrankungen, Selbstverletzungen und Störungen in Zusammenhang mit Drogenkonsum. Schon heute belaufen sich die Gesamtkosten aufgrund psychischer Erkrankungen inklusive indirekter Kosten wie beispielsweise Produktivitätseinbußen in der Europäischen Union auf mehr als 450 Milliarden Euro pro Jahr. Auch die wirtschaftlichen Folgekosten der steigenden psychischen Erkrankungen werden sich laut Einschätzung der Max Grundig Klinik in erheblichem Maße in den kommenden Monaten und Jahren niederschlagen, trotz der Lockerungen der vergangenen Wochen. 

Folgende Auswirkungen erwartet Dr. Christian Graz:

  1. Menschen in Alten- und Pflegeheimen sowie Krankenhäusern erleben durch Isolation und extreme Kontaktbeschränkungen Stresssituationen, die für viele Risikogruppen weiter andauern. Täglich sterben in Deutschland zahlreiche Menschen in Einsamkeit. Nicht nur die Betroffenen selbst, auch Angehörige nehmen psychischen Schaden, wenn Kontakte nur sehr eingeschränkt gestattet sind und sie engste Verwandte nicht mehr angemessen betreuen können.
  2. Studien zur Frage, was Gesundheit und ein langes Leben fördert, zeigen: Der wichtigste Prädiktor für Wohlbefinden und Gesundheit sind stabile soziale Kontakte wie auch ausreichend Bewegung. Erst danach folgen Nikotin- und Alkoholkarenz und weitere Risikofaktoren. Distanzierungsmaßnahmen implizieren damit große Risiken für die Entstehung psychosomatischer und psychiatrischer Erkrankungen.
  3. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DDPPN) geht nach Studienlage davon aus, dass bis zu 30 Prozent (circa 18 Millionen Personen) der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland jährlich die Kriterien einer psychischen Störung erfüllen. Dabei sind besonders jüngere Menschen mit eher niedrigem sozio-ökonomischen Status, die in Großstädten leben, betroffen. Diese Anzahl dürfte im laufenden Jahr vor dem Hintergrund der Maßnahmen sowie den ökonomischen Folgen des Lockdowns drastisch zunehmen. Gerade für Menschen, die unter depressiv-ängstlichen Symptomen leiden, bedeutet die Pandemie immense Belastungen. Arbeitsplatzverlust, existenzielle Sorgen und Spannungen in Partnerschaft werden hier zu deutlich erhöhten Fallzahlen an psychischen Störungen führen.
  4. Die Corona-Krise wird auch zu einer erhöhten Suizidrate in Deutschland führen. 2017 begingen etwa 9.500 Menschen in Deutschland Selbstmord. Die Zahl sank seit 1980 kontinuierlich. Männer sind gefährdeter als Frauen. Dieser Trend dürfte sich 2020 und vermutlich auch 2021 umkehren. Auch im Rahmen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 verzeichneten die Statistiken einen Anstieg in Deutschland, wie im Übrigen in weiteren 54 Ländern weltweit.
  5. Einer aktuellen Untersuchung zufolge ist die Zahl der Suizide nach der großen Finanzkrise besonders signifikant unter jungen Männern gestiegen: in Europa unter Männern zwischen 14 und 24 Jahren und in den USA unter Männern zwischen 45 und 64 Jahren. Die mit der Studie befassten Wissenschaftler von den Universitäten Hong Kong, Oxford und Bristol setzen den Anstieg in einen direkten kausalen Zusammenhang mit einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit in den betroffenen Regionen. Die Zahlen belegen, dass Menschen in einer Wirtschaftskrise mit extremen emotionalen Situationen zu kämpfen haben. Auf jeden Suizid kommen den Angaben zufolge etwa 30 bis 40 Suizidversuche, wiederum auf jeden Suizidversuch etwa zehn Menschen, die ernsthaft eine Selbsttötung erwägen.
  6. Neben affektiven Störungen (Depressionen) und Angsterkrankungen ist insbesondere eine steigende Prävalenz von Störungen durch psychotrope Substanzen (riskanter und schädlicher Gebrauch von Drogen und Alkohol) wie auch nicht-stoffgebundene Suchterkrankungen wie pathologisches Glücksspiel oder Computersucht sicher zu erwarten. Eine Folge sind auch zunehmende Herz-Kreislauf-Krankheiten. In der Max Grundig Klinik werden immer mehr Fälle mit kardiovaskulärer Somatisierungstendenz beobachtet, die wiederum das Risiko für die Entwicklung eines Herzinfarktes erheblich erhöhen.
  7. Ebenfalls ein Problem: Teenager befinden sich in der sensiblen Umbruchphase vom Kind zum jungen Erwachsenen. Sie entdecken ihren Körper, sind neugierig auf erste Intimbeziehungen. Bleiben die aktuellen Social-Distancing-Maßnahmen noch lange aufrecht, bekommen entsteht eine Generation von jungen Menschen, die in dem Bewusstsein aufwächst, Umarmungen und Zärtlichkeiten seien gesundheitlich bedrohlich.

Zur Bewältigung der Corona-Krise wird es laut Dr. Christian Graz also auch gehören, die ambulante und stationäre Versorgung von Menschen mit psychischen Störungen besser zu gewährleisten. „In Anbetracht der hohen Zahl komorbider somatischer Erkrankungen bei psychischen Störungen sowie eines deutlich erhöhten Risikos für psychische Störungen bei chronisch verlaufenden somatischen Krankheiten ist zudem eine bessere interdisziplinäre Vernetzung dringend erforderlich und wichtiger denn je,“ so Graz.

Sollten Sie Fragen zu diesem Thema haben, melden Sie sich gerne jederzeit an die Expertinnen und Experten der WENZA EWIV.

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